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Edvard Grieg Museum Troldhaugen og Bergen Off. Bibliotek har gått sammen om å lage nettsidene ”Grieg for unge” som et av institusjonenes bidrag til Grieg-året 2007.

Edvard Grieg 1843-1907

„Ja, das Leben ist eigenartig wie die Volkslieder, man weiß nicht, ob sie in Dur oder Moll gedacht sind“.

Edvard Grieg wird am 15. Juni 1843 in Bergen geboren. Das Haus, in dem er als viertes von fünf Kindern zur Welt kommt, liegt in der Strandgate, einer lebhaften Einkaufsstraße. Die Familie des Vaters stammt aus Schottland. Der Urgroßvater war um 1770 aus der kleinen schottischen Stadt Cairnbulg nach Norwegen eingewandert, um sich in Bergen als Kaufmann niederzulassen. Edvards Vater, Alexander Grieg, übernahm das ansehnliche Handelshaus und wurde englischer Konsul. Die Mutter, Gesine Judithe, war die Tochter des einflussreichen Edvard Hagerup, oberster Verwaltungbeamter in Bergen und für mehrere Amtszeiten auch Abgeordneter des norwegischen Parlaments. Gesines Eltern hatten die finanziellen Möglichkeiten und auch den Willen, allen ihren Kindern die beste Ausbildung zukommen zu lassen. Gesine, die eine außergewöhnliche musikalische Begabung besaß, durfte in Hamburg Musik studieren. Nach ihrer Rückkehr spielte sie dann eine wichtige Rolle in Bergens Musikleben, als Gesangssolistin sowie als anerkannte Pianistin. Gesine wird Edvards erste Klavierlehrerin, erfahren und streng, aber auch liebevoll. Die Geborgenheit seiner Kindheit in der Strandgate muss Edvards empfindsames Gemüt geprägt und einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, wie auch spannende Spiele in den engen, dunklen Gassen von Bergen. Bergens Hafen mit dem Fischmarkt, wo sich der Fischgeruch in den Kleidern festsetzt, ist ein Treffpunkt für die Bürger der Stadt und für die „kjua-guttene“, schlagfertige, gewitzte Lausebengel. Er sagt über sich selbst: „In meiner Musik finden sich sowohl Dorsche als auch kleine Seelachse“.

Zu Hause ist die Musik das Wichtigste. Gesine arrangiert wöchentliche Musikabende, bei denen sie selbst mit Werken von Mozart und Weber auftritt. Edvards Geschwister sind alle musikalisch, und als ein Teil der Erziehung dürfen die Grieg-Kinder, wie die Kinder anderer wohlhabender Familien in Bergen, die Eltern zu den Konzerten der Musikgesellschaft „Harmonien“ begleiten. Edward ist stolz, wenn er seine Mutter als Solistin zusammen mit dem städtischen Orchester erleben darf, mit musikalisch sowie technisch anspruchsvollen Werken.

Im Jahre 1853 ändert sich das Leben für Edvard. Er wird an Tanks Schule angemeldet. Für die Schule mit all ihren Anforderungen und Pflichten hat er wenig übrig, und er versucht, auf alle erdenkliche Weise sich zu drücken. Zu Hause macht er erste Versuche mit kleinen Klavierkompositionen, die in der Familie wahrscheinlich gut angekommen sind, doch in der Schule wird Derartiges nicht ernst genommen und der Lehrer kommentiert nur herablassend : „Aha, der Bengel ist musikalisch?“ Doch dann kommt der Sommer 1858. Ole Bull, der „Märchengott“, wie Edvard ihn nennt, kommt zu Besuch ins Landhaus „Landås“, und Edvard spielt ihm vor. Der berühmte Geigenvirtuose, ein Freund der Familie, dessen Bruder zudem Gesines Schwager ist, überzeugt die Eltern, dass es jetzt an der Zeit ist, Edvards besonderes musikalisches Talent zu fördern. Edvard solle „nach Leipzig fahren und Künstler werden“. Im Alter von 15 Jahren reist Edvard also nach Leipzig, um an dem dortigen Konservatorium, damals das bedeutendste in Europa, Musik zu studieren. Er fühlt sich nicht sehr wohl unter der strengen Disziplin des Konservatoriums, und der konservative Unterricht wirkt auf ihn wenig inspirierend. Doch der ungewöhnlich musikalische Schüler nimmt die vielfältigen Eindrücke aus der Musikszene der Stadt in sich auf. Er geht zu allen Orchesterproben im Gewandhaus, dem eindrucksvollen Konzerthaus der Stadt, und hört sich das berühmte Gewandhaus-Orchester an. Dies wird für seine persönliche Entwicklung wichtig und entschädigt für das, was seiner Meinung nach das Konservatorium versäumt hat: ihm hinreichende Kenntnisse in Kompositionstechnik zu vermitteln. Später sagt er: “Es war ein Glück für mich, dass ich so viel wunderbare Musik zu hören bekam. Das hat meinen Geist und mein musikalisches Urteilsvermögen weiterentwickelt.“ Die Studienzeit in Leipzig wird auch für sein weiteres Leben schicksalhaft. Im Frühjahr 1860 bekommt er ein schweres Lungenleiden, das so ernsthaft ist, dass die energische Gesine die lange Reise nach Leipzig auf sich nimmt, um ihren Sohn zu pflegen und nach Hause zu holen. Im Verlauf der Krankheit wird jedoch der eine Lungenflügel für immer geschädigt, was seine Gesundheit dauerhaft beeinträchtigt. Entgegen dem Rat des Arztes fährt Edvard dennoch im Herbst zurück nach Leipzig, um sein Studium abzuschließen. Trotz seiner negativen Einstellung zu allem, was das Konservatorium ihm geboten hat, beendet er 1832 seine Ausbildung mit ungewöhnlich guten Prüfungsergebnissen. Die Lehrer beschreiben ihn als „ein äußerst bedeutendes musikalisches Talent“.
1863 geht Grieg nach Kopenhagen, und er bleibt für die kommenden drei Jahre in Dänemark. Hier trifft er Menschen, die für seine weitere musikalische Entwicklung wichtig werden: die dänischen Komponisten Hartmann und Gade, die ihn lehren, das Besondere des „nordischen“ Klangs zu würdigen. Er genießt es, nach der Pedanterie der Leipziger Jahre frische Luft zu atmen. Gade fordert ihn auf, eine Sinfonie zu schreiben. Er beendet sie 1864 , und es bleibt seine einzige; sie wird nie gedruckt und nur wenige Male aufgeführt. Grieg ist mit dem Ergebnis äußerst unzufrieden, da es von Mendelssohn und der deutschen Schule, von der er sich so unbedingt lösen will, stark geprägt ist. In Kopenhagen kommt es zu einer für ihn entscheidenden Begegnung: er trifft den norwegischen Komponisten Rikard Nordraak. Durch ihn, einen leidenschaftlichen Vertreter für das eigenständig Norwegische in der Musik, findet Grieg zu seiner norwegischen Identität und zum Glauben daran, dass er in seiner eigenen Musik einen Ausdruck dafür finden wird. Er drückt es selbst so aus:“- ich glaube, dass der Weg zu mir selbst über Nordraak ging“. Er komponiert jetzt „Humoresken“ für Klavier, sein erstes Werk, in dem der norwegische Stil zum Durchbruch kommt. In Kopenhagen trifft er seine Kusine Nina Hagerup wieder, zu der er seit den Kindertagen in Bergen keinen Kontakt gehabt hatte. Nina hat eine hinreißende Singstimme und eine ungewöhnliche Bühnenpräsenz. Edvard verliebt sich heftig. Inspiriert von den wunderbaren Gedichten des dänischen Märchendichters H.C. Andersen „ Melodien des Herzens“ komponiert er für sie fünf zauberhafte, innige Lieder, darunter „Ich liebe dich“. Sie verloben sich, doch ihre Familien sind von der Verbindung nicht sehr begeistert. Ninas Mutter Adeline, eine gebürtige Dänin, ist besonders skeptisch. Sie kennt das Künstlerleben aus eigener Erfahrung in Bergen, denn sie wurde dort Norwegens erste Theaterregisseurin. Eine Karriere als Künstler sei schwierig und aufreibend, und das Risiko eines Misserfolgs sei groß, meint sie und sagt: “Er ist nichts, er kann nichts, und er produziert Musik, die keiner hören will“.

Trotz des Widerstands der Familien heiraten Edvard und Nina im Juni 1867 in Kopenhagen. Die engsten Verwandten werden nicht zur Hochzeit eingeladen. Das Paar zieht nach Christiania (das heutige Oslo), wo Grieg für zwei Jahre ein Engagement als Dirigent der Philharmonischen Gesellschaft erhalten hat. Es wird eine anstrengende Zeit mit ermüdenden Chor- und Orchesterproben und Konzerten. Um die knappen Finanzen aufzubessern gibt er zu Hause noch unzählige Stunden Klavierunterricht. „Quälerei“ nennt er das. Im April 1868 wird ihre Tochter Alexandra geboren, ihr einziges Kind. Im Sommer fährt die kleine Familie zu Besuch nach Dänemark; von einer tiefempfundenen Freude inspiriert komponiert Grieg sein geniales Klavierkonzert in a-moll. Edmund Neupert, der damals führende Pianist des Nordens, spielt die Uraufführung in Kopenhagen, und das Konzert wird ein rauschender Erfolg. Der Komponist ist selbst nicht anwesend. Er muss seinen Verpflichtungen als Dirigent in Christiania nachkommen!

Den Sommer 1869 verbringen Edvard, Nina und die kleine Alexandra in Bergen in dem geliebten Landhaus Landås außerhalb der Stadt. Dort trifft sie ein furchtbarer Schicksalsschlag. Alexandra bekommt eine Hirnhautentzündung und stirbt. Trotz dieses tiefen Schmerzes bleibt Grieg die Kunst, für die er lebt: „Sie hat mehr als alles andere diese tröstende Macht, die über alle Trauer hinaus geht.“ Grieg ist in diesem Sommer viel mit Ole Bull zusammen, und das gibt ihm neuen Lebensmut. Zu seiner Aufmunterung trägt auch ein Beschluss des norwegischen Parlaments bei, ihm ein Stipendium zu bewilligen. Das gibt ihm die finanzielle Möglichkeit, einen langersehnten Auslandsaufenthalt zu verwirklichen. Edvard und Nina verlassen Bergen mit dem Ziel Rom, wo sie kurz vor Weihnachten eintreffen. In Rom findet er das, was er gesucht hat: „Ruhe, mich in mich selbst zu vertiefen und in das Große um mich herum, die tägliche Einwirkung einer Welt voller Schönheit“. Hier kommt es für Grieg auch zu einer spannenden Begegnung, die für seine Karriere entscheidend wird. Er wird eingeladen, den weltberühmten, vergötterten Klaviervirtuosen Franz Liszt zu treffen. Er schreibt: Durch eine unbegreifliche Gunst wurde ich gebeten, zu ihm zu kommen, und dann spielte er – ja, ich mag jetzt kein Klavierspiel mehr hören“.
Grieg darf ihm vorspielen und mit ihm spielen, und vor allem äußert Liszt sich auch noch anerkennend über seine Kompositionen. Grieg bewundert und verehrt den genialen Pianisten, und seine Äußerungen werden für Griegs künstlerisches Selbstbewusstsein bedeutungsvoll. Bei einem Konzert, in dem Griegs zweite Violinsonate in G-dur auf dem Programm steht, ist Liszt anwesend, er steht auf und applaudiert. Ein wenig ironisch schreibt Grieg an seine Eltern: „Die Sache ist die, wenn Liszt klatscht, dann klatschen alle, einer lauter als der andere“.

Die Jahre bis 1874 sind von der Zusammenarbeit mit Bjørnstjerne Bjørnson geprägt. Bjørnsons ansteckende Begeisterung für „das Norwegische“, seine starke Persönlichkeit und sein mitreißendes Wesen beeindrucken Grieg. In seiner Dichtung findet er Stoff für etliche seiner bekanntesten Kompositionen, und in einer künstlerisch produktiven Phase entstehen
die Werke: „Vor einer Klosterpforte“, „Bergliot“, die Musik zu „Sigurd Jorsalfar“ und „Landerkennung“, alle zu Texten von Bjørnson.

In dieser Zeit kommt es zu einer anderen glücklichen Begegnung, die für ihn persönlich die wichtigste in seinem Leben wird: der Jurastudent Frants Beyer aus Bergen studiert in Christiania und möchte bei Grieg Klavierunterricht nehmen. Diese Begegnung wird der Beginn einer lebenslangen Freundschaft, geprägt von einer seltenen, tiefen Verbundenheit und einer gemeinsamen Leidenschaft für Musik und Natur. Grieg fasst seine Gefühle für den Freund in wunderbare Worte: "Für mich wirst du bis zu meiner letzten Stunde zu dem aller Edelsten und Besten gehören, was mir auf meinem Weg begegnet ist.“

Von 1874 an erhält Grieg ein staatliches Künstlergehalt, und jetzt hat das Ehepaar größere Freiheiten, sich öfter außerhalb Christianias aufzuhalten. Im Januar schreibt Henrik Ibsen an Grieg und bittet ihn, Musik für eine szenische Aufführung von „Peer Gynt“ zu komponieren. Ibsen ist der Meinung, dass Grieg sowohl die künstlerische als auch die musikalische Reife für diese Aufgabe hat. Doch Grieg selbst sperrt sich dagegen, Musik zu „- dem unmusikalischsten aller Themen“ zu schreiben. Er stimmt dennoch zu und beginnt die umfangreiche, fast unmögliche Aufgabe. Im Sommer 1874 zieht er in das kleine Gartenhaus Elsesro ein, das in Sandviken bei Bergen im Garten des Hauses von Werfteigner Rasmus Rolfsen liegt, und beginnt mit der Arbeit. Die ersten Entwürfe zur „Peer Gynt“-Musik lösen in ihm stürmische Begeisterung aus, doch das Interesse erlahmt, und bald kostet die Arbeit große Mühe. Er sagt: „- mir macht immer noch die Musik zu „Peer Gynt“ zu schaffen, die mich nicht interessiert.“ Erst im Februar wird „Peer Gynt“ in Christiania erstmalig aufgeführt, mit Griegs Musik.

Das Jahr 1875 wird ein dramatischer Wendepunkt in Griegs Leben. Innerhalb kurzer Zeit sterben beide Eltern. Edvard und Nina wohnen wieder in Bergen in der Strandgate 152, dem Haus seiner Kindheit, das jetzt für seinen Bruder John und dessen große Familie das Zuhause ist. In einer Stimmung voller Trauer entsteht die „Ballade für Klavier“, seine größte Klavierkomposition, ein düsteres, dramatisches und zutiefst ernstes Werk. Diese Phase ist geprägt von einer tiefen persönlichen Krise, sowohl menschlich als auch künstlerisch. Wie so oft wird im Konflikt zwischen Leben und Kunst die Schaffenskraft geweckt, und es entsteht die Musik zu „Sechs Gedichte von Henrik Ibsen“. In diesen Gedichten, die das schwere Schicksal des Menschen in Worte fassen, findet Grieg einen Ausdruck für seinen eigenen seelischen Kampf.

Grieg ist jetzt ein routinierter Dirigent und ein anerkannter Pianist geworden, aber er hat das Gefühl, dass der Komponist in ihm ins Abseits geraten ist. Er braucht Abstand zu allen erschütternden Erlebnissen und Ruhe, um sich zu sammeln und sich auf seine schöpferische Tätigkeit zu konzentrieren. 1877 erhält er Einladungen von guten Freunden sowohl nach Kopenhagen als auch nach Leipzig, doch das Stadtleben reizt ihn nicht. Er braucht jetzt eine frische, gesunde und unverfälschte Umgebung. Er sehnt sich nach der wunderschönen und kontrastreichen Natur Westnorwegens. „Ich werde mich vermutlich auf irgendeinem norwegischen Bauernhof niederlassen“, schreibt er an einen Freund. Um den Johannistag herum ziehen Edvard und Nina sich auf den einsamen kleinen Hof Børve in Ullensvang in Hardanger zurück. Er sagt : „- das musste sein, wenn ich nicht als Künstler untergehen wollte“. Sie bleiben dort den Sommer über, doch das Haus ist zu primitiv, um den Winter oben im Gebirge zu verbringen. Er hat sein Herz an Hardanger verloren, hier will er sein, und von Børve aus ziehen die beiden hinunter in den Ort nach Lofthus, wo sie sich im Gasthof bei Brita und Hans Utne einmieten, die ihre Freunde für’s Leben werden. Er „- will in Einsamkeit und Natur baden“ schreibt er, und in Lofthus lässt er sich seine erste Komponistenhütte bauen, die von den Menschen am Ort „Komposten“ genannt wird. Hier beginnt er jetzt sein spannungsgeladenes, ideenreiches Kammermusikwerk, das „Streichquartett in g-moll“ aus „einem bedeutungsvollen Abschnitt in meinem Leben, reich an Ereignissen und seelischen Erschütterungen“. Auch „Der Verzauberte“, basierend auf „themenschweren“ norwegischen Volksweisen, entsteht zwischen dem Fjord und den dunklen Bergen Hardangers.

In Hardanger fühlt er sich allmählich eingeengt, und er sucht sich wieder Aufgaben als Dirigent und Pianist, doch für den schöpferisch tätigen Künstler entsteht eine lange Pause.

Im Frühjahr 1880 gehen Nina und Edvard zurück in die Geburtsstadt und ziehen wieder in die Strandgate ein, in Johns kinderreiches Heim. Grieg fällt eine kleine Gedichtsammlung des Telemark-Dichters Aasmund Olavson Vinje in die Hände. Seit seiner Kindheit ist Grieg von der ausdrucksstarken Sprache des „nynorsk“*) mit ihrem musikalischen Klang sehr angetan. Vinjes wundervolle Gedichte berühren ihn sehr, und wie die Frühlingssonne das Eis schmelzen lässt so kommt auch Griegs schöpferische Kraft in Fluss. Auf einer Woge von Inspiration komponiert er in wenigen Tagen „12 Melodien zu Gedichten von A.O.Vinje“, wie die wunderschönen Lieder „Der Frühling“ und „Herzweh“, die zu den Höhepunkten in Griegs Liedkunst gehören. Er sagt: „Außer den rein seelischen Momenten liegt auch die Hardangernatur in diesen Liedern verborgen.“

*) Anm.d.Übers.: In Norwegen gibt es zwei Sprachformen, von denen die eine, das „nynorsk“, sich auf ältere norwegische Dialekte stützt.

Im Sommer 1880 bewirbt Grieg sich auf den freien Dirigentenposten des Orchesters der Musikgesellschaft „Harmonien“, und diese Stelle bekleidet er zwei Jahre lang, bis zum April 1882. Grieg wird ein anspruchsvoller Dirigent, der viel Aufsehen erregt, aber als Dirigent des Orchesters seiner Heimatstadt auch ungewöhnlich populär wird. Nach zwei anstrengenden, aber erfolgreichen Arbeitsjahren bei „Harmonien“ ist seine Gesundheit angegriffen. Edvard und Nina fahren für einen Kuraufenthalt in das elegante und „unanständig teure“ Karlsbad in Böhmen, wo das berühmte Quellwasser sowohl Magenbeschwerden als auch die meisten anderen Gebrechen heilen soll. Doch kein noch so anerkannter Kuraufenthalt kann sich mit der heilsamen, frischen Luft Hardangers messen. Edvard und Nina verbringen den Sommer wieder in Lofthus, und im „Komposten“ beginnt er mit der Arbeit an der großen Cellosonate, die er später seinem Bruder John widmet.

Im Herbst 1882 zieht das Ehepaar Grieg wieder nach Bergen und wohnt zur Miete in einem kleinen Haus in Engen. Von hier aus hat Grieg freie Aussicht auf „Det gamle theater“, eine Aussicht, die vermutlich angenehme Erinnerungen an den Wohltäter seiner Jugend, Ole Bull, weckt, der 1850 in eben jenem Gebäude das erste norwegische Theater gründete.

In diesen Jahren gerät Griegs künstlerische Entwicklung wieder ins Stocken, er komponiert wenig, fühlt sich unzufrieden, und das Verhältnis zu Nina wird immer komplizierter, temperamentvoll und eigensinnig wie sie beide nun einmal sind. 1883 erfährt die Ehe einen so ernsthaften Bruch, dass Grieg Bergen verlässt. Seine Sehnsucht richtet sich nach Paris, denn dort lebt die 26-jährige Leis Schjelderup, eine gut aussehende junge Malerin aus Bergen. Mit dem Ziel Paris begibt er sich auf eine ausgedehnte und ermüdende Konzerttournee. Er gibt Konzerte in zahllosen Städten in Holland und Deutschland. Um sich auszuruhen wohnt er in Holland bei dem niederländischen Komponisten Julius Röntgen, der sein bester Freund außerhalb Norwegens wird. Während der gesamten Auslandsreise hält der Freund Frants Beyer den Kontakt aufrecht, und die beiden schreiben sich unzählige Briefe. Beyers Warmherzigkeit, seine Klugheit und einzigartige Fähigkeit, Brücken zu bauen, führen zum Erfolg. Der Paris-Plan wird aufgegeben, die dunklen Wolken über dem Leben von Edvard und Nina verziehen sich, und unter dem hellen, lichten Himmel Italiens finden die Beiden wieder zueinander. Im Januar 1884 fahren die vier Freunde Edvard, Nina, Marie und Frants freudestrahlend zusammen nach Rom in den Urlaub. Der Italien-Aufenthalt wirkt auf Grieg wie eine Verjüngungskur, und nach seiner Rückkehr entsteht in Lofthus seine brillante Komposition im Rokoko-Stil „Aus Holbergs Zeit“, ursprünglich für Klavier, die er später auch für Streichorchester bearbeitet.

Grieg ist jetzt 41 Jahre alt und hat das Bedürfnis nach einem festen Bezugspunkt in seinem Leben: ein gesichertes, angenehmes Zuhause, am liebsten in der Nähe seiner Freunde Frants und Marie Beyer. Die beiden haben sich schon ihr Paradies gebaut, „Nesset“, ein wunderschön gelegenes Anwesen am Nordåsvann außerhalb von Bergen. Edvard und Nina kaufen das Nachbargrundstück; nur eine kleine, idyllische Bucht trennt sie von „Nesset“. Edvards und Ninas Haus, das sie „Troldhaugen“ nennen, wird so nahe an das Haus der Freunde gebaut, dass die beiden Familien sich vom Fenster aus Zeichen geben können. Grieg setzt sich voller Tatendrang für das neue Heim ein, den Ort, der „schöner als das Schönste “ ist. In einer ausgelassenen Stimmung schreibt er an einen Freund in Dänemark: „Kein Opus hat mich mit größerer Begeisterung erfüllt als dieses. Ich messe und zeichne den halben Tag“. Als Architekt für die Villa wird Griegs Vetter aus Bergen, Schak Bull, angeheuert. Ende März 1885, als eine Vorahnung von Frühling in der Luft liegt, ist das Haus fertig, und Edvard und Nina können in ihr langersehntes Heim einziehen. Der muntere Ruf der Freunde „tra-a-ho“ klingt ständig über die Bucht hin und her.

Doch selbst Troldhaugen im Frühlingskleid, mit Traubenkirschbäumen in voller Blüte und dem jubelnden Frühlingsgesang der Amseln, lässt Grieg nicht zur Ruhe kommen. Die rastlose Künstlernatur sehnt sich wieder nach neuen, interessanten Menschen, nach dem Konzertflügel oder dem Dirigentenpult und erwartungsvollen Menschen im Saal. Das liebgewordene Bergen erscheint ihm wieder als ein gottverlassenes Nest, langweilig und geprägt von „hoffnungsloser Gleichgültigkeit und Wohlstandsdenken“. Schon im April desselben Jahres schreibt er an einen Freund: „Zum Herbst muss ich mir irgendeine Gemeinheit einfallen lassen, um wieder herauszukommen“. Doch erst einmal ist es Sommer, und die Freunde Edvard und Frants machen die erste ihrer zahlreichen Bergtouren in der Gebirgsregion Jotunheimen. Es sind Wanderungen, die für beide Höhepunkte in ihrem Leben werden, die Grieg „Lebenskraft für Körper und Geist geben“, und auf denen sie beide durch eine intensiv empfundene Freude über die Schönheit des Gebirges und „das Ursprüngliche“ ihre Freundschaft weiter vertiefen.

Es wird Herbst, und Grieg wäre am liebsten wieder nach Rom gefahren, doch mit den Finanzen steht es nicht zum Besten; Troldhaugen hat viel Geld gekostet, und jetzt müssen Einnahmen beschafft werden. Grieg würde gern mit schöpferischer Tätigkeit für Ninas und seinen eigenen Unterhalt sorgen, „doch der Mensch kann nicht ständig komponieren, ich jedenfalls nicht“, schreibt er an den Verleger Max Abraham in Leipzig. Edvard und Nina fahren nach Kopenhagen, und nach mehreren erfolgreichen Konzerten in der Hauptstadt reisen sie nach Jylland, wo sie ihre erste, ausgedehnte Konzerttournee beginnen, die sie durch viele dänische Städte führt. Sie finden ein begeistertes Publikum und – sichern so ihre Finanzen. Im Frühjahr 1886 ist Grieg wieder in Kopenhagen und wohnt bei Freunden in einem kleinen Hinterzimmer. Aus einer tiefen Sehnsucht nach Gemeinschaft mit Freunden und nach dem Frühling auf Troldhaugen heraus komponiert er seine schönsten Stücke aus dem Zyklus „Lyrische Stücke für Klavier“: „Schmetterling“, „Zu Hause“, „Kleiner Vogel“ und die zauberhafte Liebeserklärung „An den Frühling“. Er schreibt an den Freund Frants: „ – die stille Freude über alles dort oben, das ist es, was zu Tönen wurde“.

Den Winter und das Frühjahr 1887 verbringt er auf Troldhaugen, doch im Herbst fahren Edvard und Nina nach Leipzig, wo sie der charmante Mittelpunkt bei den Geselligkeiten norwegischer und ausländischer Künstler werden, und wo sie großen Erfolg mit ihren Konzerten haben. Am Neujahrstag trifft Grieg auf einer Gesellschaft die berühmten Komponisten Johannes Brahms und Peter Tschaikowsky, die sich beide begeistert und anerkennend über seine Musik äußern und die beide seine Freunde werden. Diese Zeit wird der Auftakt zu einer hektischen Konzerttätigkeit in den kommenden Jahren. Edvard spielt oder dirigiert seine Kompositionen, Nina singt, und gemeinsam feiern sie große künstlerische Triumphe. Sie spielen in fast allen großen Metropolen: Stockholm, Wien, Amsterdam, Den Haag, Kopenhagen, Paris , London. Überall ernten sie stürmischen Beifall, die englische Hauptstadt ist im Grieg-Fieber, in Paris jubelt das Publikum. Die Popularität des norwegischen Künstlerpaares ist enorm, niemand wird so gefeiert wie sie.

Doch trotz des Erfolges bleibt der Konflikt bestehen zwischen der Sehnsucht nach Ruhe und Versenkung in die norwegische Natur und dem Verlangen, im Mittelpunkt des Geschehens zu stehen, dort, wo das anspruchsvolle Musikpublikum wartet. Nur im Sommer zu Hause, in der Stille der „Komponistenhütte“ auf Troldhaugen oder in Lofthus, ist er so ungestört, dass er schöpferisch tätig sein kann. Wiederum ist es eine aus norwegischer Naturmystik entstandene Lyrik, die Griegs Schöpferkraft weckt. Im Sommer 1895 schreibt er: „In den letzten Tagen war ich sehr versunken in eine höchst eigenartige Lyrik: es ist gerade ein Buch in „landsmål“ (ältere Bezeichnung für „nynorsk“, s.o.) herausgekommen, Haugtussa von Arne Garborg. Es ist ein absolut geniales Buch.“ Drei Jahre später, im Herbst 1898 werden die „Haugtussa“-Lieder herausgegeben, in denen Dichtung und Musik sich zu einem künstlerisch vollkommenen Ausdruck zusammenfinden. Er selbst beschreibt sie als „die besten Lieder, die ich geschrieben habe“.

In den 1890er Jahren ist er im Sommer oft mit Freunden auf Bergwanderungen in Norwegen unterwegs, meist im Jotunheimen, doch auch weiter nördlich in den Gebieten um Møre und Trondheim. Auf diesen Touren kann er die Volksmusik in ihrem ursprünglichen Milieu erleben. Begeistert lauscht er dem Spiel der Hardangerfiedel, ausgeführt von „Meisterspielern“, und den „wunderschönen“ Volksweisen, den Wiegenliedern und den Lockrufen für die Kühe, so wie sie im Gebirge gesungen werden und wie sie nur „Sennerinnen und Viehhändler“ singen können. Grieg bewahrt sie in seinem Gedächtnis, doch das Beste sind die Volksweisen, die der Freund Frants an Ort und Stelle aufschreibt, auf einem Kuhrücken als Schreibunterlage. Diese Lieder inspirieren ihn zu der genialen Bearbeitung von „Neunzehn norwegischen Volksweisen“ für Klavier.

Edvard Grieg kehrt wieder nach Bergen zurück, wo die Geschäftsleute der Stadt eine große Fischerei- und Industrieausstellung planen. Und Grieg hat die außergewöhnliche Idee, Wirtschaft und Kultur zu kombinieren. Er hat selbst an Musikfesten in England teilgenommen, und jetzt schlägt er dem Ausstellungskomitee vor, ein großes norwegisches Musikfest in Verbindung mit der Ausstellung ins Leben zu rufen. Die Idee findet Anklang, doch bei der Planung des Festes stößt Grieg auf große Probleme. Er möchte das Concertgebouw-Orchester aus Amsterdam engagieren, eines des besten Orchester Europas. Doch norwegische Musiker fühlen sich arg provoziert: Kann ein ausländisches Orchester norwegische Musik besser spielen als ein norwegisches Orchester? Ja, sagt Grieg, und erklärt seinen Standpunkt folgendermaßen: „Ich verstehe unter einem Musikfest ein Fest, dessen Aufgabe es ist, norwegische Musikwerke zu einer möglichst idealen Aufführung zu bringen“. Er wird heftig kritisiert, auf unsachliche und manchmal boshafte Weise. Selbst sein bester Freund, Frants Beyer, ist nicht seiner Meinung. Das geht so weit, dass Grieg auf die Mitwirkung am Musikfest verzichtet. Doch dann geschieht folgendes: das alte Ausstellungskomitee wird aufgelöst, und über Nacht wird ein neuer Ausschuss gebildet. Am nächsten Tag bekommt Grieg den Auftrag, das Orchester aus Holland zu engagieren. Im Nygårdsparken, dem großen Park, in dem die Einwohner Bergens gern ihren Sonntagsspaziergang zu machen pflegen, wird eine Konzerthalle für 2000 Zuhörer gebaut. Am 26. Juni 1898 wird das Musikfest in Bergen eröffnet, Norwegens erstes Musikfestival. Es wird ein großer Erfolg. Das Fest dauert eine Woche, und jeden Abend füllt eine begeistertes Publikum den großen Konzertsaal bis auf den letzten Platz. Grieg vergisst nach und nach den Widerstand und er schreibt später: „ Das Musikfestival stand unter einem glücklichen Stern. Es trug den Keim in sich selbst, weil es eine große und gute Sache war“.

1901 erhält Grieg einen Brief vom „Meisterspieler“ Knut Dahle aus Telemark, der ihn darum bittet, dafür zu sorgen, dass die alten Tanzweisen für Hardangerfiedel der Nachwelt erhalten bleiben. Knut Dahle spielt dem Geiger und Komponisten Johan Halvorsen vor, der 17 Tanzweisen zu Papier bringt. Grieg nimmt sie begeistert entgegen und möchte sie gern für Klavier bearbeiten. Er schreibt: „Es interessiert mich sehr, aber es ist eine Höllenarbeit“. Er empfindet tiefen Respekt für das Material und sagt:“ Wie leicht kann es geschehen, dass man ihnen die Ursprünglichkeit nimmt! In Wahrheit geht es darum, seine feinsten Empfindungen zurückgehalten zu haben“. Doch es gelingt ihm, und in einem genialen Prozess der Neuschöpfung bearbeitet er die Tänze für Klavier. Im Vorwort zur Erstausgabe schreibt er: „Wer für diese Klänge einen Sinn hat, wird von ihrer großen Originalität hingerissen sein, von ihrer Mischung aus feiner, anmutiger Zartheit gepaart mit Kühnheit, Kraft und ungezähmter Wildheit“.

Die vielen langen und oft beschwerlichen Reisen und die anstrengenden Konzertauftritte haben an seinen Kräften gezehrt, und in den vergangenen Jahren hat seine Gesundheit gelitten. Immer öfter muss Grieg einen Kurort aufsuchen, und auf Besserung hoffend sucht er ständig neue Ärzte auf und probiert neue Medikamente aus. „Alle Krankheiten auf einmal wüten so heftig sie können“, schreibt er, und selbst die besten Ärzte der damaligen Zeit können ihm keine Hilfe für seine schwache, angegriffene Gesundheit bieten.

Doch das Leben hat auch seine hellen Seiten. Am 15. Juni feiert Grieg seinen 60. Geburtstag. Das ganze Land und auch das Ausland nehmen Anteil an dem großartigen Fest, das mehrere Tage dauert. In seiner Geburtsstadt wird er mit einem Konzert im Freien und einem Ausflug nach Fløyen gefeiert, zahlreiche Mitglieder aus dem Orchester des Nationaltheaters kommen aus Christiania für ein Festkonzert, das sowohl Johan Halvorsen als auch Grieg selbst dirigieren. Auf Troldhaugen versammeln sich Hunderte von festlich gestimmten Menschen bei herrlichem Sommerwetter, und Bjørnson hält eine geistreiche Festrede auf den Jubilar. Unter den vielen Geschenken befindet sich auch ein prachtvoller Konzertflügel.

Grieg war immer politisch aufgeschlossen, und er nimmt lebhaften Anteil an der öffentlichen Diskussion. In Leserbriefen und Reden formuliert er seine radikalen Ansichten mit lebhaften Worten. Das Ende der Union zwischen Norwegen und Schweden ist eines der Themen, für die er sich am stärksten engagiert, und am Silvesterabend 1905 schreibt er in sein Tagebuch: „ – ohne die Jugendträume, die dieses Jahr hat Wirklichkeit werden lassen, hätte meine Kunst nicht den richtigen Hintergrund gehabt“.

Obwohl er immer stärker von Krankheit geplagt wird, findet er erstaunlicherweise immer noch die Kraft zu komponieren, und 1906 entsteht sein letztes großes Werk, die mächtige Chorkomposition: „Vier Psalmen“ in „freier Bearbeitung nach Lindemans Volksweisen“.

Im Jahre 1907 plant er wiederum neue Konzerttourneen und führt sie auch durch. In einem Brief an den Freund in Holland schreibt er: „Doch so lange man lebt, muss es heißen: Kopf hoch, und: vorwärts, immer weiter, hin zu nichts – oder zu etwas Höherem“.

Im Laufe des Frühjahrs wird Grieg immer schwächer, und sowohl in Kopenhagen als auch in Christiania muss er ins Krankenhaus. Der Herbst ist in jenem Jahr regnerischer als üblich in Westnorwegen, und zu Hause auf Troldhaugen trägt das Wetter dazu bei, dass sich seine Krankheit erheblich verschlimmert.

Er gibt trotzdem nicht auf, sondern bereitet eine Konzertreise nach England vor, zusammen mit Nina. Doch am 3. September verschlechtert sich das Krankheitsbild so sehr, dass sein Freund, der Oberarzt Klaus Hanssen, ihm die Reise verbietet und ihn in das Krankenhaus in Bergen einliefern lässt.

Der schwache, erschöpfte Körper ist am Ende; am 4. September 1907 stirbt Edvard Grieg.

Zurück bleibt die Musik, die er geschaffen hat, ein Vermächtnis an uns alle.

Geschrieben von: Karen Falch Johannessen


Übersetzung: Marie-Louise Bruggemann

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14.02.07